Wenn ich Achtklässlern erzähle, dass sie gleich ihr Leben nach der Schule durchspielen werden — mit Gehalt, Steuern, Versicherungen und unerwarteten Wendungen — dann sehe ich meistens erstmal große Augen. Und genau so soll es sein.
Mein Name ist Henryk Awe, ich arbeite zuweilen auch in der Berufsorientierung für Schulen. Und ich möchte erzählen, wie aus einer simplen Idee ein Spiel entstanden ist, das Schülerinnen und Schüler tatsächlich dazu bringt, sich mit ihrer Zukunft auseinanderzusetzen — freiwillig und mit Begeisterung.
Das Problem: Berufsorientierung, die niemanden erreicht
Jeder, der in der Berufsorientierung arbeitet, kennt das: Du stehst vor einer Klasse, redest über Ausbildungsberufe, Gehälter, Lebenshaltungskosten — und die Hälfte der Schüler ist gedanklich woanders. Das ist kein Vorwurf an die Jugendlichen. Die Themen sind abstrakt. Was bedeutet es wirklich, 2.400 Euro brutto zu verdienen? Was bleibt netto? Was kostet eine Wohnung? Was passiert, wenn das Auto kaputtgeht und man keine Versicherung hat?
Ich wollte ein Tool, das diese Fragen nicht erklärt, sondern erlebbar macht. Ein Spiel, bei dem die Schüler selbst Entscheidungen treffen und die Konsequenzen spüren. Kein trockenes Arbeitsblatt — sondern etwas, das sie fesselt.
Die Idee: Ein Planspiel fürs echte Leben
Die Grundidee war simpel: Die Spieler durchleben 10 bis 20 Jahre ihres Lebens nach der Schule. Sie wählen einen Karriereweg, verdienen Geld, geben es aus, treffen Entscheidungen — und erleben, wie sich das alles zusammenfügt. Oder eben nicht.
Aber zwischen Idee und Umsetzung liegt bekanntlich ein weiter Weg. Ich bin kein Programmierer. Was ich habe, ist eine klare Vorstellung davon, was Schüler brauchen — und seit einiger Zeit einen KI-Assistenten namens Benjamin (mein K.I. Agent unter Openclaw mit Claude Opus 4.6 als LLM-Model) der mir bei genau solchen Projekten hilft.
Ehrlich über KI: Wie das Spiel entstanden ist
Ich sage das ganz offen: Den ersten funktionierenden Entwurf von „Mein Weg" hat mein KI-Assistent programmiert. Ich habe beschrieben, was ich mir vorstelle, und Benjamin hat es umgesetzt — als browserbasiertes Spiel in einer einzigen HTML-Datei.
Und dieser erste Entwurf war schon so gut, dass ich dachte: Das hat Potenzial. Das lohnt sich weiterzuentwickeln.
Seitdem arbeiten wir gemeinsam daran. Ich bringe die pädagogische Erfahrung ein, das Wissen darüber, was im Unterricht funktioniert und was nicht. Benjamin bringt die technische Umsetzung. Es ist eine Zusammenarbeit, die zeigt, was heute möglich ist, wenn man KI nicht als Ersatz versteht, sondern als Werkzeug.
Was „Mein Weg" heute kann
Das Spiel ist inzwischen bei Version 6.0 angekommen. Was als Prototyp begann, ist ein vollwertiges Wirtschafts-Planspiel geworden:
Drei Karrierepfade stehen zur Wahl: Ausbildung in acht verschiedenen Bereichen — von Handwerk über Technik/IT bis Gesundheit —, Studium in sieben Fächern wie BWL, Informatik oder Medizin, oder der Direkteinstieg ins Berufsleben.
Realistische Finanzen machen den Unterschied. Die Schüler sehen nicht nur ihr Bruttogehalt, sondern erleben Steuerprogression, bekommen BAföG während des Studiums und müssen mit dem auskommen, was netto übrig bleibt. Sie können in ETFs, Sparbücher oder Immobilienfonds investieren. Sie entscheiden über Versicherungen — Haftpflicht, Berufsunfähigkeit, Kfz und mehr.
Lebensentscheidungen machen das Spiel persönlich. Partner, Kinder, ein eigenes Auto, vielleicht sogar der Schritt in die Selbstständigkeit — all das hat finanzielle Konsequenzen. Und rund 180 zufällige Events — teils Kettenereignisse, die sich als Cliffhanger über mehrere Spieljahre ziehen — sorgen dafür, dass kein Durchlauf wie der andere ist. Manche davon sind ernst, manche bringen die Klasse zum Lachen — genau wie im echten Leben.
Wirtschaftsereignisse wie Branchenkrisen, Boomphasen oder Automatisierung zeigen, dass nicht alles planbar ist. Und zu Beginn wählt jeder Spieler sein Lebensziel: Lebensglück, Karriere, Wohlstand oder eine ausgewogene Mischung. Am Ende zeigt sich, wer seine Ziele erreicht hat — und warum.
Das Beste: Bis zu 15 Schüler können gleichzeitig spielen. Komplett im Browser, ohne Installation, ohne Accounts. Einfach öffnen und loslegen.
Was im Klassenzimmer passiert
Der Moment, der mich jedes Mal aufs Neue überzeugt: Wenn Schüler anfangen, miteinander über ihre Entscheidungen zu diskutieren. „Warum hast du keine BU-Versicherung abgeschlossen?" — „Krass, du zahlst so viel Steuern mit dem Gehalt!" — „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Kind so teuer ist."
Das sind genau die Gespräche, die ich mit Arbeitsblättern nie hinbekommen habe. Die Schüler lernen nicht, weil sie müssen — sie lernen, weil sie wissen wollen, wie sie im Spiel besser abschneiden. Und dabei nehmen sie mehr mit, als ihnen in dem Moment bewusst ist.
Wie es weitergeht
„Mein Weg" ist noch lange nicht fertig — und das ist gut so. Die nächsten Schritte:
Inzwischen ist dieser Schritt geschafft: „Mein Weg" läuft online unter awemedia.de/meinweg — für Schulen, Lehrkräfte und alle Neugierigen direkt im Browser nutzbar, ohne technische Hürden.
Langfristig denke ich über Mehrsprachigkeit nach. Englisch als nächster Schritt, vielleicht weitere Sprachen danach. Denn die Fragen, die „Mein Weg" behandelt — Berufswahl, Finanzen, Lebensplanung — sind universal. Jeder Jugendliche auf der Welt steht irgendwann vor diesen Entscheidungen.
Die Vision ist klar: Ein Werkzeug, das Schülern weltweit hilft, sich spielerisch und realistisch mit ihrer Zukunft auseinanderzusetzen.
Interesse geweckt?
Wenn du in der Berufsorientierung arbeitest, an einer Schule unterrichtest oder einfach neugierig bist — ich freue mich über den Austausch. „Mein Weg" ist ein Projekt aus der Praxis, für die Praxis. Und je mehr Menschen es nutzen und Feedback geben, desto besser wird es.
**Nachtrag vom 10.07.2026: „Mein Weg" hat sich dank des Feedbacks von Schülern und Lesern stark weiterentwickelt — und ist noch lange nicht fertig. Die wichtigsten Neuerungen seit dem ursprünglichen Beitrag:
- Online spielbar unter awemedia.de/meinweg — gehostet auf Cloudflare Pages, genau wie Homepage und Blog
- Speicherfunktion (lokal oder online)
- Gesprochene Einführung (Sprecher: Benjamin T.)
- Familienplanungs-Mechanik
- Rund 180 Events, darunter Kettenereignisse, die sich als Cliffhanger über mehrere Spieljahre ziehen
- Individuelle Spielziele (Karriere, Wohlstand, Zufriedenheit)
- … und vieles mehr
Probiere es gerne aus: Mein Weg — und schreib mir Anregungen und Kritik über das Kontaktformular auf awemedia.de oder direkt per E-Mail an kontakt@awemedia.de. Ich freue mich auf deine Nachricht.