← Zurück zum Blog

MeshCore: Krisenkommunikation ohne Internet — Wie ein Funknetzwerk Frankfurt (Oder) sicherer machen kann

Ein Gespräch, das etwas ins Rollen gebracht hat

Bei der letzten Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt (Oder) habe ich das Thema MeshCore vorgestellt — ein Funknetzwerk, das komplett ohne Internet, Mobilfunk und Stromnetz funktioniert. Die Reaktionen waren ernüchternd. Ich hatte mich als Bürger der Stadt vorgestellt — nicht als Unternehmer, nicht als Verkäufer. Ich hatte den Repeater dabei, ein kleines solarbetriebenes Gerät, und wollte zeigen, was damit möglich ist. Doch bevor ich richtig anfangen konnte, unterbrach mich die Vorsitzende mit dem Vorwurf, ich würde Werbung machen. Ich habe weder MeshCore entwickelt, noch die Hardware — ich wollte beides kostenfrei zur Verfügung stellen. Mein Name muss nirgendwo genannt werden. Der Oberbürgermeister schloss sich an und kommentierte, ich hätte mich ja nun „ausgiebig vorstellen" können. Eine Stadtverordnete meinte, ich solle keine Probleme herbeireden — sie sei in Katastrophensituationen immer gut informiert gewesen und habe stets kommunizieren können.

Das mag für sie stimmen. Aber es ist genau diese Haltung, die Krisenvorbereitung so schwierig macht: Die Annahme, dass es schon immer gut gegangen ist, also wird es auch in Zukunft gut gehen.

Umso dankbarer bin ich, dass ein Stadtverordneter das Potenzial sofort erkannt hat und sich seither dafür einsetzt, dass ich das Projekt in einem Fachausschuss ausführlicher vorstellen kann — wie es damit weiterging, steht im Nachtrag am Ende dieses Beitrags. Denn ich bin überzeugt, dass MeshCore für unsere Region einen echten Mehrwert schaffen kann.

Was ist MeshCore eigentlich?

Stellt euch ein Funknetzwerk vor, das keine Mobilfunkmasten braucht, keinen Internetanschluss und nicht einmal eine Steckdose. MeshCore basiert auf der sogenannten LoRa-Technologie — das steht für „Long Range", also große Reichweite. Kleine, kostengünstige Funkgeräte verbinden sich untereinander zu einem sogenannten Mesh-Netzwerk: Jedes Gerät kann Nachrichten empfangen und an das nächste weiterleiten, bis sie beim Empfänger ankommen.

Das Besondere: Die Repeater — also die Knotenpunkte, die das Netz aufspannen — sind solarbetrieben und extrem wartungsarm. Einmal installiert, arbeiten sie autark. Kein Stromanschluss nötig, keine Abo- oder Lizenzkosten, kein Wartungsvertrag — nur ab und zu ein Blick auf Akku und Firmware. Und die Endgeräte, mit denen man Nachrichten senden und empfangen kann, gibt es ab etwa 25 Euro.

Warum ist das relevant?

Denken wir an die Hochwasser an der Oder, an großflächige Stromausfälle oder an andere Krisensituationen: Was passiert, wenn das Mobilfunknetz überlastet ist oder komplett ausfällt? Wenn der Strom weg ist und damit auch das Internet? Genau dann braucht man eine Kommunikationsinfrastruktur, die unabhängig von all dem funktioniert.

MeshCore ist genau das. Es ermöglicht Textkommunikation auch dann, wenn sonst nichts mehr geht. Das ist kein theoretisches Szenario — das Oderhochwasser 1997 und die zunehmenden Extremwetterereignisse zeigen, dass Krisenkommunikation keine abstrakte Idee ist, sondern ein ganz konkretes Bedürfnis.

Verschlüsselt, dezentral und offen

Ein paar Punkte, die mir besonders wichtig sind:

Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Direktnachrichten über MeshCore sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt — nur Sender und Empfänger können den Inhalt lesen. Gruppenkanäle nutzen einen gemeinsamen Kanal-Schlüssel. Verschlüsselung ist hier kein optionales Feature, sondern Standard.

GPS nur auf Wunsch: Die Geräte können GPS-Standorte teilen — aber nur, wenn der Nutzer das aktiv einschaltet. Niemand wird ungewollt getrackt. Im Notfall kann die freiwillige Standortfreigabe allerdings lebensrettend sein, etwa wenn Einsatzkräfte eine vermisste Person suchen.

Kein Konzern, kein Betreiber: MeshCore ist ein offenes Protokoll. Es gehört niemandem und liegt nicht in der Hand eines einzelnen Unternehmens. Das Netz wird von engagierten Privatpersonen aufgebaut — ehrenamtlich, für die Allgemeinheit. Das ist Community-Infrastruktur im besten Sinne.

Das Berliner Netz als Vorbild

Im Raum Berlin existiert bereits ein funktionierendes MeshCore-Netz, das von einer aktiven Community betrieben wird. Die Reichweite erstreckt sich mittlerweile bis nach Werneuchen und in weitere Teile Brandenburgs. Das zeigt: Das ist keine Zukunftsmusik, sondern Gegenwart. Echte Menschen nutzen das Netz bereits, testen es, bauen es aus.

Diese Erfahrungen aus der Praxis sind unglaublich wertvoll. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden — wir können auf bewährte Strukturen aufbauen und das Netz in Richtung Frankfurt (Oder) erweitern.

Was Frankfurt (Oder) besonders macht

Frankfurt (Oder) hat eine Eigenschaft, die für MeshCore geradezu ideal ist: den Oderturm. Mit knapp 89 Metern ist er das höchste Gebäude des ganzen Landes Brandenburg und bietet eine exzellente Sichtlinie in alle Richtungen. Ein solarbetriebener Repeater auf dem Oderturm könnte einen enormen Radius abdecken und als zentraler Knotenpunkt für ein städtisches Mesh-Netz dienen.

Aber es geht um mehr als nur einen Turm. Frankfurt (Oder) ist eine Grenzstadt — und genau hier wird es spannend: MeshCore kennt keine Landesgrenzen. Ein Funknetzwerk, das Frankfurt und Słubice verbindet, würde die grenzüberschreitende Kommunikation auf eine völlig neue Ebene heben. Gerade in Krisensituationen, wenn polnische und deutsche Behörden koordiniert handeln müssen, wäre ein solches Netz von unschätzbarem Wert.

Was es kostet — oder besser: was es nicht kostet

Einer der größten Vorteile von MeshCore ist die Kostenstruktur. Oder besser gesagt: das Fehlen laufender Kosten. Die Endgeräte kosten ab etwa 25 Euro, die solarbetriebenen Repeater sind einmalige Investitionen. Kein Abo, keine Lizenzgebühren, keine Wartungsverträge. Für eine Kommune, die über jeden Euro im Haushalt diskutiert, ist das ein starkes Argument.

Zum Vergleich: Klassische Katastrophenschutz-Kommunikationssysteme kosten ein Vielfaches — sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb. MeshCore ersetzt diese Systeme nicht, aber es ergänzt sie um eine robuste, kosteneffiziente Ebene, die auch dann noch funktioniert, wenn die teure Technik versagt.

Wie es weitergeht

Nachtrag vom Juli 2026: Aus den ursprünglich angekündigten Terminen — 29. April im Ausschuss für Stadtentwicklung (SVUK) und 6. Mai im Gemeinsamen Ausschuss der Doppelstadt Frankfurt–Słubice — wurde leider nichts: Nach Prüfung durch die Verwaltung liegt die Zuständigkeit für das Thema bei keinem der beiden Gremien, sondern originär beim Hauptausschuss. Die Anmeldung als Beratungsschwerpunkt dort wurde mir zugesagt; ein Termin steht allerdings bis heute aus. Ich bleibe dran — und berichte hier, sobald es Neuigkeiten gibt.

An meinem Ziel ändert das nichts: kein Verkaufsgespräch, sondern ein Bewusstsein dafür schaffen, dass resiliente Kommunikationsinfrastruktur keine Frage des Budgets sein muss, sondern eine Frage des Willens. Die Technologie ist da. Die Community ist da. Jetzt braucht es den politischen Rückenwind.

Mein Ziel ist kein Verkaufsgespräch. Es geht darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass resiliente Kommunikationsinfrastruktur keine Frage des Budgets sein muss, sondern eine Frage des Willens. Die Technologie ist da. Die Community ist da. Jetzt braucht es den politischen Rückenwind.

Interesse? Fragen? Melden!

Ob Stadtverordneter, Feuerwehr, THW oder interessierte Bürgerin — wenn ihr mehr über MeshCore erfahren wollt, meldet euch gerne bei mir. Ich zeige euch das Netz, erkläre die Technik und bringe gerne ein Gerät zum Ausprobieren mit.

📧 Kontakt: kontakt@awemedia.de 🌐 Web: awemedia.de


Henryk Awe - awemedia. Beschäftigt sich mit digitaler Infrastruktur, Open-Source-Technologien und der Frage, wie Technik konkret das Leben in der Region verbessern kann.