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[Self-Hosting Teil 4] Wir mieten unsere eigenen Erinnerungen – Zeit, das zu beenden (mit Immich)

Über 16.000 Fotos, 6.000 Videos und 100 Stunden Drohnenmaterial. Das ist die Bilanz meines bisherigen Lebens in Dateien. Ganze 1,3 Terabyte an Erinnerungen aus 39 Jahren. Und bis vor kurzem waren sie praktisch unsichtbar.

Ein gewaltiger Teil lag unsortiert und chaotisch auf einer Netzwerkfestplatte. Tausende Dateien, ein reines Datengrab. Niemand scrollt abends gemütlich durch unübersichtliche Windows-Ordner. Ein anderer Teil lag bei Google oder Amazon – letzteres, weil ich irgendwann mal auf die eigentlich charmante Idee kam, meine Bilder als Diashow auf dem Echo Show im Wohnzimmer laufen zu lassen. Über den Datenschutz dahinter dachte ich damals noch erschreckend wenig nach.

Und auf dem Handy? Da lagen immer nur die letzten drei Jahre, bis der Speicher voll war und das nervige Löschen begann.

Die Bequemlichkeits-Falle

Wir haben verlernt, unsere eigenen Fotos zu besitzen. Konzerne wie Google oder Apple haben uns diese Last abgenommen. Ihre Foto-Apps sind Meisterwerke der Softwareentwicklung. Sie ordnen unser Chaos, erkennen Gesichter und machen Bilder wieder erlebbar.

Dieser Service hat seinen Preis. Die kostenlosen Einstiegsgrößen — 15 Gigabyte bei Google, magere 5 bei Apple — reichen heute bei 4K-Videos und hochauflösenden Handykameras nicht mal mehr für einen ausgedehnten Sommerurlaub. Wer sein Leben sichern will, landet unweigerlich im Abo-Modell. Bei mehreren Terabyte kommt da über die Jahre einiges zusammen.

Aber wir zahlen längst nicht mehr nur mit Geld. Wir zahlen mit unseren Daten.

Die Tech-Giganten hungern nach Material, um ihre KI-Modelle zu trainieren. Amazon musste sich in den USA bereits Sammelklagen rund um den Umgang mit biometrischen Gesichtsdaten stellen, und die hauseigene Bilderkennung „Rekognition" wurde mit riesigen Fotodatensätzen trainiert. Ob und wie Kundenfotos dabei eine Rolle spielen, bleibt von außen nicht nachvollziehbar – und genau das ist das Problem: Transparenz sieht anders aus. Google behauptet zwar aktuell, private Fotos nicht für das Training von externen generativen KI-Modellen zu nutzen, analysiert die Bilder aber tiefgreifend für interne KI-Funktionen. Und wer die Workspace- oder Gemini-Verknüpfungen aktiviert, weicht diese Grenzen weiter auf.

Was in all diesen AGBs fehlt, ist eine klare, einklagbare Klausel, die das KI-Training mit privaten Bildern für alle Zeit ausschließt. Wenn morgen die Regeln geändert werden, stimmen wir trotzdem zähneknirschend zu. Wer riskiert es schon, den Zugang zu seiner visuell aufbereiteten Lebensgeschichte zu verlieren? Weil der Export riesiger Foto-Bibliotheken ein Albtraum ist, bleiben wir. Wir sind Geiseln unserer eigenen Bequemlichkeit geworden.

Die lokale Revolution: Immich

Nachdem ich mit Projekten wie Paperless und Pi-hole bereits Teile meiner Daten zurückgeholt hatte, stieß ich auf Immich. Ein Open-Source-Projekt, das verspricht, Google Fotos komplett zu ersetzen – selbst gehostet, auf der eigenen Hardware.

Glaubte ich das? Nein. Intelligente Suchfunktionen und nahtloses Video-Streaming erfordern eigentlich Rechenzentren, keine Heimanwender-Hardware. Aber ich wollte es ausprobieren. Ich schloss meine Netzwerkfestplatte mit dem unstrukturierten Archiv von 1,3 Terabyte an einen Raspberry Pi 5 an und ließ das System machen.

Es dauerte Wochen. Der kleine Pi kämpfte sich unermüdlich durch das Daten-Chaos, generierte Thumbnails, komprimierte Videos für das Web-Streaming und analysierte Gesichter. Beim flüssigen Abspielen der Videos kam er ordentlich ins Stottern – ein Problem, das ich inzwischen durch ein Hardware-Upgrade auf einen Mini-PC (N150, 16 GB RAM) elegant gelöst habe.

Als die Indexierung – das Aufbereiten von Inhalten nach bestimmten Kriterien – durch war, stand ich fassungslos vor diesem kleinen, unscheinbaren Kasten. Es funktionierte.

Premium-Gefühl aus dem eigenen Wohnzimmer

Immich hat mein totes Datengrab in eine hochmoderne, rasend schnelle Timeline verwandelt. Heute ist es meine Standard-Galerie-App auf dem Smartphone. Ich habe wieder vollen Zugriff auf jeden einzelnen Tag der letzten 39 Jahre.

Die lokale KI-Erkennung ist ein Gamechanger. Ich tippe drei Gesichter an und sehe sofort jeden Moment, den diese drei Freunde jemals gemeinsam verbracht haben. Ich suche nach "Hund" und sehe jeden Hund, der mir je vor die Linse gelaufen ist.

Der wahre Luxus zeigt sich aber nach Reisen, Ausflügen, Events oder Feiern mit Freunden und Familie. Vergiss das WhatsApp-Chaos, bei dem Bilder kaputtkomprimiert werden und Meta-Daten verloren gehen. Ich erstelle in Immich ein Album, generiere einen Link und schicke ihn in die Gruppe. Jeder kann die Bilder in voller Auflösung sehen und über einen simplen Upload-Knopf im Browser seine eigenen Fotos direkt auf meinen Server schieben. Keine Accounts. Keine Fremd-Apps.

Man braucht heute keine Serverfarmen mehr, um eine intelligente, moderne Fotoverwaltung zu betreiben. Es reicht ein Mini-PC im Flur. Meine Bilder sind jetzt wieder genau das: meine Bilder. Kein Abo, kein KI-Training durch Dritte, keine Lock-in-Falle.

Meine Fotos. Mein Server. Meine Regeln.


Henryk Awe - awemedia. In dieser Reihe teile ich meine persönlichen Erfahrungen mit Self-Hosting und Homelab — kein Tutorial, sondern echte Geschichten aus der Praxis.