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[Self-Hosting Teil 6] Unser eigener Matrix-Server: Wie aus „Mein KI-Agent braucht einen Kanal" ein vollwertiger Familien-Messenger wurde

Wer mit einem OpenClaw-Agenten wie meinem Benjamin im Alltag arbeitet, steht früher oder später vor einer ganz praktischen Frage: Über welchen Kanal redet man eigentlich mit ihm? Eine Web-Oberfläche im Browser ist nett, aber niemand will sich für jede Nachricht erst irgendwo einloggen. Ein Assistent gehört dahin, wo man sowieso die meiste Zeit kommuniziert – in den Messenger.

Der naheliegende Gedanke war: WhatsApp. Hat jeder, kennt jeder, funktioniert auf allen Geräten. Bei der Einrichtung kam dann allerdings die Ernüchterung: Damit OpenClaw mit WhatsApp sprechen kann, muss man der Software faktisch Zugriff auf das komplette Konto geben – inklusive aller privaten Chats. Es gibt keinen sauberen „Bot-Modus" wie bei anderen Messengern. Entweder ganz oder gar nicht. Für mich war das ein klares „gar nicht". Ich werde meinem Assistenten (einer KI) nicht meine kompletten Familienchats vor die Füße kippen.

Also griff ich zu Telegram. Die offizielle Bot-API (eine API ist im Grunde eine offizielle Schnittstelle, über die zwei Programme miteinander reden dürfen – in diesem Fall darf mein Assistent darin sauber abgegrenzt nur Bot-Nachrichten lesen und schreiben, nicht meine privaten Chats) ist sauber, schnell eingerichtet, und ein paar Tage lang war alles wunderbar. Bis ich beim Lesen der Doku über einen Satz stolperte, der mir den Tag verdarb: Chats mit Bots sind grundsätzlich nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Nicht optional, nicht „wenn du auf das Schloss klickst", sondern nie. Genau die Konversation, in der ich täglich Termine, E-Mail-Entwürfe, Notizen und manchmal sensible Themen/Daten mit Benjamin durchgehe, lag damit unverschlüsselt auf Telegrams Servern.

Dazu kam etwas, das mich bei den großen Messenger-Anbietern schon lange im Hinterkopf nagte: diese undurchsichtigen AGB. Wer sie wirklich liest, merkt schnell, dass man die Hoheit über die eigenen Daten an der Tür abgegeben hat. Was wird wann analysiert, was an wen weitergegeben, was bei der nächsten Übernahme aus dem Vertrag gestrichen? Man weiß es nicht. Man kann es eigentlich auch nicht wissen.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Threema

Und dann kam noch ein Vorfall dazu, der bei mir endgültig den Ausschlag gegeben hat – nicht nur für einen verschlüsselten Kanal zu Benjamin, sondern auch für einen eigenen, sicheren Messenger für die ganz private Kommunikation: der Verkauf von Threema.

Meine Frau und ich haben über Jahre ausschließlich über Threema kommuniziert. Sie nutzt bis heute kein WhatsApp – nur Threema. Und Threema galt für mich lange als der Goldstandard für einen sicheren Messenger: in der Schweiz entwickelt, Server in der Schweiz, alles Ende-zu-Ende-verschlüsselt, keine Handynummer und keine E-Mail nötig für die Registrierung. Eine App, die der DSGVO faktisch voraus war, statt ihr hinterherzulaufen. Stiftung Warentest hatte Threema 2014 als einzigen der untersuchten Messenger im Datenschutz als „unkritisch" eingestuft, das Schweizer Bundesgericht hatte 2021 entschieden, dass Threema nicht als Telekommunikationsanbieter eingestuft wird (und damit keine Kundendaten herausgeben muss), und selbst die Schweizer Armee empfahl ihren Soldaten Threema statt WhatsApp, Telegram oder Signal. Das war ein guter Ort, um zu kommunizieren.

Dann kamen die Übernahmen.

September 2020: Threema wird mehrheitlich an AFINUM Management Services verkauft – eine deutsche Private-Equity-Firma mit Sitz in München. Für eine Schweizer Datenschutz-Marke ein erstes Stirnrunzeln, aber okay, die Gründer waren noch an Bord.

September 2024: CEO Martin Blatter und die restlichen Gründer und Original-Entwickler verlassen das Unternehmen. Neuer CEO wird Robin Simon, ein Ex-Manager der TX Group (eines der größten Schweizer Medienhäuser). Damit war die DNA, die Threema zu Threema gemacht hatte, weg.

Januar 2026: Threema wird ein zweites Mal weitergereicht – diesmal an Comitis Capital, ebenfalls eine deutsche Private-Equity-Firma.

Ich will fair bleiben: Comitis ist kein „Joint Venture", sondern eine klassische PE-Gesellschaft. Aber das macht die Sache nicht besser. Private-Equity-Firmen kaufen Unternehmen typischerweise mit dem Ziel, sie nach ein paar Jahren gewinnbringend weiterzuverkaufen. Dabei zählt Marge, dann Skalierung, dann Exit – nicht die idealistische Haltung der Gründer. Wenn die Gründer schon weg sind und die Firma in der zweiten PE-Hand ist, dann ist die Frage nicht ob, sondern wann aus dem Datenschutz-Vorzeigeprojekt ein normaler Software-Konzern mit normaler Datenschutzerklärung wird.

Genau dieses Bauchgefühl hatte ich – und es ist exakt die Mechanik, vor der ich bei WhatsApp und Telegram längst keinen Respekt mehr habe: AGB, Eigentümer und Versprechen sind nur so stabil wie der nächste Verkauf. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wenn selbst der Goldstandard nicht mehr verlässlich ist, weil er irgendwann eben doch nur einem Eigentümer gehört, der ihn morgen verkaufen kann – dann hilft am Ende nur eins: die Infrastruktur selbst in die Hand nehmen.

Spätestens da war klar: Das richtige Fundament ist keiner der großen Anbieter. Das richtige Fundament ist etwas Eigenes.

Warum Matrix?

Matrix ist im Prinzip das, was E-Mail für Nachrichten ist: ein offener Standard, der föderiert funktioniert. Jeder kann seinen eigenen Server betreiben, alle reden trotzdem miteinander. Kein Konzern dazwischen, kein „Take it or leave it". Und – das war für meinen Anwendungsfall der entscheidende Punkt: Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist hier nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Auch in Gruppen. Auch mit Bots. Auch mit Benjamin.

Und noch ein Punkt, der bei der Frage „Welcher Messenger?" schwer wog: Matrix verlangt weder Handynummer noch E-Mail-Adresse – noch sonst irgendeine personenbezogene Angabe. Bei WhatsApp ist die Telefonnummer das Konto. Bei Telegram ebenso. Bei Signal genauso. Wer dort einen Account anlegt, hinterlässt automatisch eine ziemlich harte Identitätsspur. Bei Matrix entscheide ich, was ich von mir preisgebe: Ein Benutzername, ein Passwort, ein Server – fertig. Eine E-Mail-Adresse für Passwort-Reset kann man hinterlegen, muss man aber nicht. Damit lässt sich tatsächlich weitgehend anonym und extrem datensparsam kommunizieren – nicht in der Theorie, sondern weil bei der Registrierung schlicht keine Identitätsdaten wie Telefonnummer oder E-Mail-Adresse verlangt werden. (Ganz ohne personenbezogene Daten geht es technisch nie – schon eine IP-Adresse zählt dazu. Aber weniger als hier geht kaum.)

Und es ist ein echter Messenger – kein Bastel-Tool

Das ist der Punkt, an dem viele aussteigen, sobald „selbst gehostet" fällt: Sie stellen sich ein Terminal-Fenster mit grüner Schrift vor. Dabei ist Matrix in der Nutzung genauso komfortabel wie WhatsApp oder Telegram – es gibt nur viel mehr Auswahl bei den Apps.

Auf dem Handy (iOS und Android) nutze ich – und auch der Rest meiner Familie – FluffyChat. Bunte, freundliche Oberfläche, runde Sprechblasen, Emoji-Reaktionen, Sprachnachrichten, Bilder, Videos, Dateien – alles, was man von einem modernen Messenger erwartet. Wer schon mal Telegram benutzt hat, fühlt sich nach drei Minuten zu Hause. Wer technischer mag, nimmt Element – etwas nüchterner, dafür mit jedem Feature, das Matrix anbietet.

Auf dem Desktop (Windows, macOS, Linux) gibt es Element Desktop und ebenfalls FluffyChat als native Apps. Synchronisierung läuft automatisch – was ich auf dem Handy lese, ist auf dem Laptop auch als gelesen markiert. Nachrichten, die ich am Schreibtisch tippe, kommen auf dem Telefon nicht doppelt an. Wie man es eben kennt.

Im Browser läuft Element direkt im Webclient – praktisch, wenn man unterwegs an einem fremden Rechner mal schnell etwas nachschauen will. Login mit dem eigenen Account, alle Chats sind sofort da, und sobald man sich ausloggt, ist auf dem fremden Gerät auch nichts mehr.

Sprach- und Videoanrufe funktionieren ebenfalls – Eins-zu-Eins genauso wie Gruppenanrufe. Sprachnachrichten, Standortfreigaben, Bild- und Datei-Versand, Antworten auf einzelne Nachrichten, Threads, Emoji-Reaktionen, Gruppenchats mit Avatar und Titel – alles da.

Der entscheidende Punkt für den Rollout im Familien- und Freundeskreis war: Der Übergang fällt niemandem schwer. Egal ob technikaffin oder nicht – wer vorher WhatsApp oder Telegram benutzt hat, ist nach wenigen Minuten produktiv. App installieren, Account anlegen, los geht's. Keine zwanzig Stellschrauben, keine Fachbegriffe, kein „du musst dich erst einlesen". Genau das war das Ziel.

Der Aufbau: Tuwunel auf einer eigenen Maschine

Wer die bisherigen Teile dieser Reihe verfolgt hat, kennt meinen Homelab-Hauptdarsteller: einen N150 Mini-PC mit 16 GB RAM, auf dem Home Assistant, Paperless, Immich, FileBrowser, das awemedia-Share (Pingvin) und ein paar kleinere Dienste laufen.

Für den Matrix-Server wollte ich bewusst eine eigene Maschine. Messaging ist ein Dienst, bei dem ich nicht möchte, dass ein außer Kontrolle geratenes Immich-Backup oder ein Home-Assistant-Update mal eben die Familien-Kommunikation lahmlegt. Also kam ein zweiter N150 mit 12 GB RAM dazu, auf dem genau zwei Dinge laufen: Matrix und Benjamin.

Genau deshalb hat Benjamin auch eine so unmittelbare Anbindung an Matrix – die beiden teilen sich buchstäblich dieselbe Hardware. Keine Netzwerk-Hops, keine fremden Schnittstellen dazwischen. Wenn ich Benjamin eine Sprachnachricht schicke, landet die innerhalb von Millisekunden bei ihm.

Als Server-Software setze ich auf Tuwunel – eine moderne, sehr ressourcenschonende Matrix-Implementierung in Rust. Wer schon mal Synapse (die Python-Referenz-Implementierung) betrieben hat, kennt das Gefühl, dass mehrere GB RAM und regelmäßige Datenbank-Pflegeeinsätze einfach „dazugehören“. Tuwunel ist da deutlich genügsamer und für kleine bis mittlere Server völlig ausreichend.

Bewusst ohne Cloudflare

Eine Entscheidung, über die ich länger nachgedacht habe: Der Matrix-Server läuft nicht hinter Cloudflare.

Bei meinen anderen Diensten ist Cloudflare praktisch – es versteckt die echte IP, hält Bots draußen, beschleunigt statische Inhalte. Bei Matrix wäre es ein Bremsklotz: Federation, Push-Benachrichtigungen, große Medien-Uploads und Voice-/Video-Calls funktionieren mit zwischengeschaltetem Reverse-Proxy-Dienst nicht zuverlässig.

Ich verlasse mich stattdessen auf die Sicherheitsmechanismen, die Matrix selbst mitbringt: serverseitige TLS-Zertifikate, signierte Federation-Requests, Rate-Limiting auf Server-Ebene und natürlich die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Inhalte selbst. So funktioniert der Zugang für alle gut – Familie, Freunde, Bots – und niemand stolpert über Cloudflare-Captchas oder geblockte Mobile-Apps.

Bewusst ohne Föderation

Matrix wirbt gern damit, dass jeder Server mit jedem anderen Matrix-Server reden kann – das ist die sogenannte Föderation. Für ein offenes Ökosystem ist das ein großer Pluspunkt. Für meinen Anwendungsfall war es genau das Gegenteil.

Ich habe die Föderation auf meinem Server bewusst abgeschaltet. Zwei Gründe:

  1. Daten wandern sonst ab. Sobald jemand auf meinem Server in einen Raum auf einem fremden Server schreibt, landet diese Nachricht (inklusive Metadaten) auf dem fremden Server. Genau das, was ich vermeiden wollte. Auch wenn der Inhalt verschlüsselt ist – wer wann mit wem schreibt, hätte ich damit aus der Hand gegeben.
  2. Jeder offene Föderationsport ist Angriffsfläche. Ein föderierter Server ist im Internet für jeden anderen Matrix-Server ansprechbar – jede Schwachstelle in der Föderations-Logik wird so zur potenziellen Tür nach drinnen. Wenn ich diese Tür gar nicht erst aufmache, gibt es auch nichts, was darauf klopfen könnte.

Die Konsequenz: Auf meinem Server können nur Accounts schreiben, die auf meinem Server angelegt sind. Genau das, was ich wollte. Familie, Bruder, Mutter, zwei beste Freunde, meine Frau und Benjamin – fertig. Niemand redet versehentlich mit „irgendwem auf matrix.org". Wer dazukommen soll, bekommt von mir einen Account; wer raus will, wird gelöscht. Volle Kontrolle, minimale Angriffsfläche, null Daten-Abfluss.

Wer eigentlich mitmacht

Der schönste Nebeneffekt: Aus dem ursprünglich technisch motivierten Projekt „Benjamin braucht einen verschlüsselten Kanal" ist ein kleiner, ehrlich genutzter Kommunikations-Hub geworden. Auf meinem Server haben inzwischen meine Frau, mein Bruder, meine Mutter und meine beiden besten Freunde ihre Accounts. Nicht als technisches Experiment, sondern als ihren ganz normalen Messenger.

Das war mir wichtig: Es bringt mir nichts, wenn ich datenschutzkonform mit mir selbst und meinen Bots rede, während alle privaten Gespräche weiterhin über fremde Server laufen. Wenn die Menschen, mit denen ich am meisten schreibe, auch dort sind, dann ist das Projekt am Ziel.

Und genau das ist es. Direktnachrichten, ein Familien-Raum, ein paar persönliche Räume – alles verschlüsselt, alles auf eigener Hardware, alles ohne Werbung und ohne den nagenden Gedanken, dass jemand „irgendwo da draußen" mitliest.

Was hat es gebracht?

Klar – ein eigener Matrix-Server ist nichts, was man „mal eben am Sonntagnachmittag" einrichtet. Die Föderation bewusst abschalten und den Server absichern, well-known-Endpunkte einrichten, das richtige TLS-Setup finden – ein paar Abende gehen dafür drauf. Aber sobald das Fundament steht, läuft das Ding leise vor sich hin und tut, was es soll.

Und ich? Ich schreibe Benjamin – und meiner Familie – inzwischen ohne dieses unbestimmte Bauchgefühl. Das ist mehr wert als jedes Komfort-Feature, das mir Telegram oder WhatsApp je geboten haben.


Henryk Awe - awemedia. In dieser Reihe teile ich meine persönlichen Erfahrungen mit Self-Hosting und Homelab — kein Tutorial, sondern echte Geschichten aus der Praxis.