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[Self-Hosting Teil 7] Unsere Farm, von überall erreichbar: Ein eigener Stardew-Valley-Server — für ein Spiel, das dafür gar nicht gemacht ist

Unsere Farm, von überall erreichbar

Es gibt Projekte, die plant man. Und es gibt Projekte, die fangen auf einem Floß an.

Herrentag, ein gemietetes Floß auf dem Wasser bei Potsdam, ein paar Kumpels, gute Laune. Irgendwann zog einer aus der Runde ein kleines, rechteckiges Ding aus der Tasche — einen R36 S.

So ein Handheld ist nichts anderes als eine kleine tragbare Spielekonsole für die Hosentasche, wie ein moderner Game Boy. Er drückte ihn mir in die Hand — mehrere tausend Spiele waren da drauf, wie ich schnell feststellte. Ich startete Yoshi's Island, und während das Floß vor sich hin schipperte, war es um mich geschehen.

Mein erster Gedanke galt meiner Frau. Sie spielt für ihr Leben gern Spyro (den kleinen Drachen, der 1998 sein Debüt auf der PlayStation feierte) — und als ich sah, dass auf dem Gerät auch alte PlayStation-Spiele liefen, stand der Plan fest: So ein Ding müssen wir haben.

Der R36 S — der Handheld, der auf dem Floß alles ins Rollen brachte

Der R36 S, mit dem alles begann.

Der R36 S, mit dem alles begann

Dass es am Ende der R36 Ultra und nicht der R36 S wurde, war reiner Zufall. Ich schwärmte meinem Kumpel vor, wie cool das Gerät sei und dass ich auch so eins wolle — woraufhin er kurzerhand auf AliExpress ging und meinte: „Hier gibt's den auch, heißt ‚Ultra', kostet fünf Euro mehr. Da sind bestimmt mehr Spiele dabei." So dachten wir jedenfalls, und er bestellte ihn direkt für mich. Was den Ultra wirklich vom S unterscheidet, wussten wir zu dem Zeitpunkt gar nicht.

Im Nachhinein bin ich heilfroh über diese fünf Euro. Denn der entscheidende Unterschied ist nicht die Spielezahl — der R36 Ultra hat WLAN an Bord. Damals war das für mich nur ein nettes Extra; dass ausgerechnet dieses WLAN später zum Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte werden würde, ahnte ich da noch gar nicht.

Der R36 Ultra mit seinem quadratischen Display

Der R36 Ultra — fünf Euro teurer als der S, und der einzige relevante Unterschied war das WLAN.

Der R36 Ultra mit seinem quadratischen Display

Aber das ist nur der Anfang

Wer meine Self-Hosting-Reihe kennt, weiß: Ich kann Geräte nicht einfach benutzen, wie sie kommen. Ich muss wissen, was drinsteckt — und sie dann zu meinen machen.

Beim R36 Ultra hieß das zunächst: das werksseitige System — ein auf Emulatoren beschränktes EmuELEC — herunter, eine ordentliche Custom-Firmware drauf. Die Firmware ist das Betriebssystem des Geräts — das, was beim Einschalten startet, vergleichbar mit Windows auf einem PC. Eine „Custom-Firmware" ist eine von der Community gebaute Alternative dazu, freier und besser pflegbar als das, was ab Werk drauf ist. Ich entschied mich für ArkOS, eine besonders gut gepflegte Custom-Firmware. Das allein machte aus dem Spielzeug ein richtiges Gerät: sauberes Menü, runde Emulatoren, alles bis hoch zur PlayStation 1 lief flüssig.

Einen Rat möchte ich dabei gleich weitergeben — er betrifft den größten Schwachpunkt dieser Geräte: die mitgelieferte Speicherkarte. Man muss sich klarmachen, dass das Gerät selbst praktisch keinen eigenen Speicher hat. Betriebssystem und Spiele liegen komplett auf dieser einen SD-Karte. Geht sie kaputt, ist alles weg. Deshalb gehört als Allererstes ein Backup gezogen — und die Werks-Karte sollte man ohnehin bald gegen eine ordentliche Marken-Karte tauschen, denn auf ihr stehen und fallen Stabilität und Tempo.

Kurios wird es bei den beworbenen Größen. Meine Karte war als 128 Gigabyte ausgewiesen, fasste real aber nur rund 50. So eine künstlich „aufgeblähte" Karte meldet dem Gerät eine Kapazität, die gar nicht existiert; schreibt man sie über die echte Grenze hinaus voll, gehen Daten verloren. Die vielen Spiele sind dabei übrigens echt — die liegen platzsparend auf den 50 echten Gigabyte, gut 25.000 Stück. Bei der kleineren Version (beworben mit 64 GB, real eher 32) sind es entsprechend rund 15.000. Warum die Hersteller ausgerechnet bei der Kartengröße so tricksen, bleibt mir ein Rätsel — aber es ist ein weiterer guter Grund, die Karte früh zu tauschen.

Was ist der R36 Ultra? Ein Retro-Handheld auf Basis des verbreiteten Rockchip-RK3326-Chips, mit quadratischem 4-Zoll-Display und WLAN, für rund 40 Euro. Technische Details und Firmware-Hinweise sammelt das Handhelds-Wiki.

Ein Spiel, das ich auf diesem Gerät nicht erwartet hätte

Beim Stöbern stieß ich dann auf etwas, das ich vorher gar nicht kannte: Ports. Bis dahin lief alles auf dem Gerät über Emulatoren — Programme, die eine alte Konsole wie das Super Nintendo oder die PlayStation nachahmen, sodass deren Originalspiele auf neuer Hardware laufen. Ein Port ist etwas anderes: ein echtes Spiel, das jemand mühevoll direkt für die Hardware des Handhelds umgebaut hat, ganz ohne den Umweg über eine nachgeahmte Konsole. Plötzlich liefen Dinge auf dem kleinen Gerät, die da eigentlich nichts zu suchen haben — bis hin zu Half-Life. Und mittendrin in der Liste: Stardew Valley.

Für alle, die es nicht kennen: ein zauberhaftes Bauernhof-Spiel, in dem man eine heruntergekommene Farm erbt und sie nach und nach in ein kleines Paradies verwandelt. Pflanzen, angeln, das Dorf kennenlernen. Entspannend, liebevoll — und genau das Spiel, das meine Frau und ich beide mögen.

Zu zweit — erst einmal nebeneinander

Damit war klar, dass ein Handheld nicht reicht. Ich bestellte einen zweiten, spielte auch darauf ArkOS und Stardew Valley auf (und Spyro für meine Frau), und wir entdeckten schnell das Beste daran: Stardew Valley kann man zusammen spielen. Beide Geräte im selben WLAN — und schon bewirtschafteten wir gemeinsam unsere Farm, jeder auf seinem eigenen kleinen Bildschirm.

Das lief wunderbar — solange wir am selben Ort und im selben WLAN waren.

Zwei R36 Ultras nebeneinander, beide mit Stardew Valley

Gemeinsam auf einer Farm — anfangs nur möglich, wenn beide Geräte im selben WLAN waren.

Zwei R36 Ultras nebeneinander, beide mit Stardew Valley

Die Frage, die alles ins Rollen brachte

Der Haken zeigte sich, als ich einmal unterwegs war. Meine Frau fragte, ob wir nicht auch aus der Ferne zusammen spielen könnten — sie zu Hause, ich woanders.

Ich musste verneinen. Das gemeinsame Spiel funktionierte nur lokal. Sind zwei Geräte an verschiedenen Orten, finden sie sich nicht: Sie hängen hinter verschiedenen Routern und Mobilfunknetzen, ohne einen Weg zueinander.

Aber auch dafür gibt es einen Workaround (auf Deutsch: eine „Behelfslösung“)

Eine davon wäre Tailscale. Vereinfacht gesagt spannt es ein privates, verschlüsseltes Netz über all meine Geräte, egal wo auf der Welt sie gerade sind. Mein Handheld, der meiner Frau, mein Server zu Hause — für Tailscale liegen sie alle im selben virtuellen Raum nebeneinander, als hingen sie am selben WLAN. Nach außen öffnet es dabei keine einzige Tür; nur meine eigenen Geräte erreichen sich.

Ich brachte Tailscale auf beide Handhelds, was wirklich etwas knifflig war (wer dabei Hilfe braucht, kann mich gerne anschreiben – ich helfe gern) und ab da konnten wir tatsächlich über jede Entfernung hinweg gemeinsam spielen.

Und das gilt nicht nur für Stardew Valley. Viele Spiele auf dem Handheld lassen sich von Haus aus zu zweit über die Verbindung spielen — alte Klassiker, Rennspiele, Prügelspiele. Bisher ging das nur, wenn man nebeneinander saß, im selben WLAN. Mit Tailscale tut das Netz so, als täten wir genau das — Seite an Seite sitzen. Damit steht uns dieses gemeinsame Spielen jetzt über jede Entfernung offen, nicht nur bei Stardew Valley.

Der Gedanke, der größer wurde: ein gemeinsamer Treffpunkt

Bei Stardew Valley aber blieb trotz Tailscale ein Ärgernis. Das Spiel funktioniert so: Einer der beiden Spieler öffnet die Farm auf seinem eigenen Gerät, und der andere kommt als Gast dazu. Das bedeutet aber auch — die gemeinsame Farm existiert nur, solange genau das eine Gerät läuft, auf dem sie gespeichert ist. Macht meine Frau abends eine Runde, ich bin aber nicht da und mein Handheld ist aus? Dann kommt sie gar nicht erst auf die Farm. Sie liegt ja auf meinem Gerät, und das schläft.

Also dachte ich weiter. Was wäre, wenn die Farm gar nicht mehr auf einem unserer beiden R36 Ultras liegt, sondern an einem dritten, festen Ort, der einfach immer an ist? Ein kleiner, eigener Stardew-Computer bei mir zu Hause, auf dem unsere Farm dauerhaft existiert — ganz egal, ob unsere Handhelds an oder aus sind. Wir beide verbinden uns dann einfach mit diesem festen Punkt, wann immer wir wollen: zusammen, oder jeder für sich allein. Niemand muss mehr „die Farm aufmachen", weil sie ohnehin immer offen ist.

Klingt naheliegend — ist es aber überhaupt nicht. Denn hier kommt der Haken, der die ganze Sache erst zur echten Bastelei macht: Stardew Valley ist für so etwas gar nicht gebaut. Das Spiel kennt keinen eigenständigen Servermodus. Es verlangt von Haus aus immer einen menschlichen Gastgeber, der mitspielt — einen festen, dauerhaft laufenden Treffpunkt ohne Gastgeber sieht es schlicht nicht vor.

Dass es trotzdem geht, verdanke ich einer engagierten Open-Source-Community, die genau diese Lücke mit viel Tüftelei geschlossen hat. Mit einer Sammlung von Erweiterungen wird dem Spiel beigebracht, auch ohne anwesenden Menschen weiterzulaufen und die Farm offenzuhalten — quasi ein „Immer-an-Stardew-Valley“, das das Spiel selbst nie vorgesehen hat. Fachleute nennen so etwas einen dedizierten Server; im Kern ist es ein fester Treffpunkt, an dem unsere Farm wohnt und auf uns wartet. Und das Schönste: Solange niemand spielt, bleibt die Spielzeit dort einfach stehen. Es geht also keine Ernte verloren, nur weil gerade keiner Zeit hat.

Unterbringen ließ sich dieser feste Treffpunkt auf meiner bestehenden Homelab-Infrastruktur — auf dem kleinen Mini-PC, der schon Home Assistant, Paperless und Immich beherbergt (siehe Teil 1, 4 und 5 dieser Reihe). Er bekam also einen weiteren Mitbewohner.

Den Server aufsetzen

Ehrlich gesagt: „in zehn Minuten erledigt" war das nicht. Es wurde eine dieser Nächte, die jeder kennt, der tiefer in der Materie steckt. Der Server installierte alles Nötige, meldete sich bei Steam an, um das Spiel mit meinen Anmeldedaten herunterzuladen — und scheiterte dann beharrlich an genau einem Schritt. Immer dieselbe Stelle, immer derselbe Timeout.

Stundenlange Detektivarbeit später war klar: nicht mein Fehler. Es war ein bekanntes, noch ungelöstes Problem der aktuellen Version, das in einer verschachtelten Umgebung wie meiner besonders zuverlässig zuschlug. Die Lösung kam erst mit einer neueren, noch nicht offiziell veröffentlichten Vorschau-Version, die intern ganz anders gebaut war und den Anmelde-Schritt sauber löste. Danach noch die üblichen Kleinkriege — eine vorübergehende Sperre, weil ich es zu oft hintereinander versucht hatte, eine Konfigurationsdatei im falschen Format.

Aber dann, gegen Morgen, stand er: unser Server, mit unserer Farm, gemeinsamer Kasse und einer grauen Hofkatze.

Der Mini-PC, auf dem der Stardew-Server läuft

Der unscheinbare Mini-PC zu Hause, auf dem unsere Farm jetzt rund um die Uhr wohnt.

Der Mini-PC, auf dem der Stardew-Server läuft

Der Moment, in dem es klick machte

Wir starteten beide Handhelds, verbanden uns über unser Tailscale-Netz mit dem Server und standen plötzlich gemeinsam auf unserer Farm. Ich probierte es sogar nur über den mobilen Hotspot meines Handys — und es lief.

Das ist die Art Moment, für die ich den ganzen Aufwand betreibe. Nicht, weil es der einfachste Weg gewesen wäre, gemeinsam zu spielen — den gibt es fertig zu kaufen. Sondern weil es unsere Farm ist, auf unserem Server, in unserem Netz. Niemand kann sie abschalten, niemand verlangt ein Abo, und die Daten liegen da, wo sie hingehören: bei uns.

Der Handheld hat mich rund 40 Euro gekostet; die Nacht, in der ich den Server aufgesetzt habe, kostete Nerven — war aber ein schönes Lehrgeld. Und wenn wir uns abends auf der Farm treffen — sie bestellt das Feld, ich versorge die Tiere, die graue Katze schnurrt dazwischen — dann war es jede Extrameile wert.


Im nächsten Teil geht es weiter im Homelab. Bis dahin: Bleibt neugierig, und macht eure Geräte zu euren eigenen.

Henryk Awe - awemedia. In dieser Reihe teile ich meine persönlichen Erfahrungen mit Self-Hosting und Homelab — kein Tutorial, sondern echte Geschichten aus der Praxis.